Es gibt Situationen, in denen ich selbst ziemlich schnell merke, dass etwas in mir nicht ganz zusammenpasst. Ich sage zum Beispiel Ja zu etwas und spüre gleichzeitig, dass sich dieses Ja nicht wirklich gut anfühlt. Oder ich merke, dass ich gedanklich schon wieder dabei bin, Verantwortung für etwas zu übernehmen, obwohl mich niemand darum gebeten hat. Manchmal ist es auch nur eine innere Unruhe, bei der ich zunächst gar nicht sagen kann, woher sie kommt.
Früher hätte ich solche Momente wahrscheinlich schneller übergangen, mir eine Ablenkung gesucht.
Heute versuche ich, genauer hinzuhören.
Nicht immer gelingt mir das sofort. Und natürlich habe auch ich keine ständige Verbindung zu mir selbst, in der jede Entscheidung klar ist und ich jederzeit genau weiß, was ich brauche.
Selbstverbundenheit bedeutet für mich etwas viel Alltäglicheres. Es bedeutet, immer wieder zurückzukommen. Zu dem, was ich wahrnehme und was in mir passiert. Sowie zu der Frage, was davon für mein heutiges Leben eigentlich noch stimmig ist.
Über die Jahre habe ich dafür fünf Schritte für mich zusammengesammelt und zum Teil selbst im Coaching erarbeitet. Sie sind kein festes Programm, das ich immer Punkt für Punkt abarbeite. Eher eine Orientierung, zu der ich immer wieder zurückkehre und damit auch wieder in Verbindung mit mir selbst komme.
Was bedeutet Selbstverbundenheit für mich?
Wenn ich Selbstverbundenheit in einen Satz bringen müsste, würde ich sagen:
Selbstverbundenheit bedeutet für mich, mich selbst wieder wahrzunehmen, zu verstehen und ernst zu nehmen.
Dabei geht es für mich nicht darum, immer nur auf mich selbst zu hören und alles andere auszublenden. Es geht darum, dass meine eigene Wahrnehmung in meinem Leben überhaupt vorkommt. Dass ich mitbekomme, wenn etwas in mir eng wird, wenn ich mich übergehe, wenn ich etwas tue, weil ich es wirklich möchte oder wenn ein alter Automatismus gerade schneller war als eine bewusste Entscheidung.
Genau dort beginnen für mich diese fünf Schritte. (Spoiler am Ende des Artikels gibt es ein Handout mit den 5 Schritten für dich zum Herunterladen).

1. Wahrnehmen: Was ist gerade eigentlich da?
Der erste Schritt klingt einfach und braucht wohl wie alle anderen etwas Übung. Bevor ich etwas verstehen oder verändern kann, muss ich überhaupt merken, was gerade passiert.
Dafür braucht es einen Check-In bei mir selbst:
- Was fühle ich?
- Was brauche ich?
- Was ist gerade da und möchte gesehen werden?
Manchmal ist die Antwort sofort klar vorhanden. Doch es kann auch sein, dass ich nur merke, dass ich gereizt bin, unruhig werde oder plötzlich Widerstand spüre. Oder, dass ich überhaupt noch keine Antworten zusammenbringe.
Auch das gehört für mich dazu. Ganz wichtig ist dabei, dass Wahrnehmen nicht heißen muss, sofort eine Lösung zu finden. Es heißt zunächst nur, nicht über das hinwegzugehen, was sich gerade zeigt. Manchmal entsteht eine Antwort erst später. Für mich liegt der erste Schritt deshalb nicht darin, sofort Klarheit zu haben, sondern überhaupt wieder zuzuhören.
2. Verstehen: Was steckt hinter meiner Reaktion?
Wenn ich etwas wahrgenommen habe, dann frage ich mich, was eigentlich dahinterliegt.
- Was lässt dieses Nein gerade so unangenehm sein?
- Was ist der Grund, dass ich schon wieder die Verantwortung für fremde Anliegen übernehme?
- Was trifft mich an der Reaktion eines anderen so stark?
- Was lässt meine Entscheidung so schwer anfühlen?
Hier hilft mir meine systemische Sichtweise mittlerweile sehr. Ich versuche mein Verhalten nicht vorschnell zu bewerten. Vielmehr schaue ich darauf, welche Logik dahinter liegen könnte.
Vielleicht entdecke ich dabei eine vertraute Rolle, eine Erwartung, einen alten Anspruch an mich selbst oder ein Muster, das ich schon lange kenne. Und plötzlich ergibt etwas, das sich vorher einfach nur anstrengend angefühlt hat, mehr Sinn.
3. Anerkennen: Nicht sofort gegen mich arbeiten
Dieser Schritt war für mich am Anfang alles andere als leicht.
Wenn ich ein Muster erkenne, ist auch mein erster Impuls nicht automatisch liebevolles Verständnis.
Da kann durchaus ein Gedanke auftauchen wie: „Jetzt mache ich das schon wieder.“
Genau an dieser Stelle versuche ich heute, einen anderen Blick einzunehmen. Denn ein Muster ist meistens nicht grundlos entstanden. Wahrscheinlich hat es mir einmal dabei geholfen, mir Sicherheit zu geben, dazuzugehören, Konflikte zu vermeiden oder Anerkennung zu bekommen.
Das anzuerkennen und anzunehmen, heißt für mich nicht, dass ich das, was sich zeigt gut heiße oder für immer behalten muss. Es bedeutet, meine eigene Geschichte nicht gegen mich zu verwenden und den Widerstand sowie den Kampf gegen das, was ist loszulassen.
Ich erlebe, dass durch diese Annahme etwas von der Energie wieder verfügbar wird, die vorher in meinem inneren Widerstand gebunden war. Diese kann ich dann für eine von mir angestrebte Veränderung nutzen. Denn wie schon gesagt, nur weil ich die aktuelle Situation annehme, heißt es nicht, dass ich sie so lasse.
4. Ausrichten: Was ist heute meine Wahl?
Erst an diesem Punkt wird für mich die Frage nach Veränderung interessant. Denn nun kann ich mir bewusst machen, dass ich immer eine andere Entscheidung treffen kann, in dem ich mich frage:
Was ist wirklich meine Wahl?
Das heißt nicht immer, dass sich sofort etwas ändern muss, manchmal bleibt die Entscheidung dieselbe wie früher. Der Unterschied liegt für mich darin, dass ich mich selbst dabei nicht mehr vollständig übergehe.
Ich will wissen, aus welchem Grund ich mich entscheide und ich will mir erlauben zu prüfen, ob eine vertraute Antwort heute noch meine Antwort ist.
Wenn ich zu einer neuen Entscheidung komme, dann muss diese nicht immer gleich riesengroß oder lebensverändernd sein. Auch muss ich noch nicht die Lösung fürs große Ganze haben. Vielleicht ist es nur die Entscheidung für den nächsten kleinen Schritt. Für mich liegt gerade darin oft etwas Wesentliches, meine eigene Wahrnehmung bekommt Einfluss darauf, wie ich handle.
5. Verkörpern: Wenn Erkenntnis im Alltag ankommt
Der letzte Schritt bedeutet für mich, meine Wahl, meine Entscheidung nach und nach auch im Alltag umzusetzen. Deshalb gehört für mich zur Selbstverbundenheit irgendwann auch der Moment, in dem eine Erkenntnis im Alltag sichtbar wird.
- Vielleicht sage ich tatsächlich Nein.
- Vielleicht spreche ich etwas aus, das ich sonst für mich behalten hätte.
- Vielleicht lasse ich eine Verantwortung dort, wo sie hingehört.
- Vielleicht treffe ich eine Entscheidung anders als gewohnt.
Das muss wie gesagt nichts Großes sein. Für mich beginnt Verkörperung oft sehr klein. Für mich beginnt nachhaltige Veränderung im Inneren. Irgendwann braucht diese neue Ausrichtung jedoch auch eine Erfahrung im Alltag.
Selbstverbundenheit ist für mich kein Zustand
Eine meiner Erkenntnisse, die ich selbst dabei gewonnen habe, ist, dass ich nicht irgendwann „fertig selbstverbunden“ bin. Es gibt Phasen, in denen ich mich sehr klar wahrnehme und Situationen, in denen alte Muster schneller sind.
Was dann? Ganz einfach, ich beginne wohlwollend wieder von vorne mit Schritt 1.
Daher gefällt mir das Bild einer Verbindung so gut. Eine Verbindung kann stärker und schwächer werden. Man kann sie verlieren und wieder aufnehmen. Manchmal braucht sie Aufmerksamkeit.
Für mich bedeutet Selbstverbundenheit deshalb nicht, immer bei mir zu sein.
Es bedeutet, den Weg zurück zu mir zu kennen.

Häufig gestellte Fragen
Was bedeutet Selbstverbundenheit?
Für mich bedeutet Selbstverbundenheit, mit der eigenen Wahrnehmung, den Bedürfnissen, Grenzen und inneren Reaktionen in Kontakt zu sein und sie im eigenen Leben ernst zu nehmen.
Kann Selbstverbundenheit verloren gehen?
Die Verbindung zu sich selbst kann zeitweise sehr leise werden. Ich verstehe Selbstverbundenheit deshalb weniger als festen Zustand und mehr als eine Beziehung, zu der wir immer wieder zurückkehren können.
Welche fünf Schritte gehören für mich zur Selbstverbundenheit?
Ich arbeite für mich mit Wahrnehmen, Verstehen, Anerkennen, Ausrichten und Verkörpern. Sie beschreiben für mich einen möglichen Weg vom ersten inneren Signal bis zu einer Entscheidung, die im Alltag tatsächlich gelebt wird.
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