Mit unserem Auto fahren wir regelmäßig zum Service und machen auch brav das Pickerl. Wir achten darauf, dass unsere Elektrogeräte gewartet werden, damit sie nicht frühzeitig den Geist aufgeben. Selbstverständlich kümmern wir uns auch um unsere Vorsorgeuntersuchungen beim Arzt. Denn uns ist bewusst: Wenn wir zu lange warten, wird es teurer, aufwendiger oder etwas geht endgültig kaputt. Außerdem ist es uns wichtig, gesundheitliche Probleme frühzeitig zu erkennen.
Doch es gibt einen Bereich in unserem Leben, den wir gern einmal ignorieren. Einen Bereich, in dem wir Warnsignale übersehen, kleinreden oder auf später verschieben.
Unsere mentale Gesundheit.

Der blinde Fleck, den wir uns selbst gegenüber haben
Auch hier gibt es Anzeichen, wie zum Beispiel:
- eine anhaltende Erschöpfung, die einfach nicht mehr verschwinden mag
- ein Angstgefühl im Bauch, das täglich drückt
- ein leiser Widerstand gegen das eigene Leben, der alles schwer und mühsam macht
- das Gefühl, nur noch zu funktionieren und sich selbst verloren zu haben
- eine innere Unruhe, die es fast unmöglich macht, einmal eine Pause einzulegen
- ein schlechtes Gewissen, das Tag und Nacht an dir nagt und dir das Gefühl gibt, in keinem Lebensbereich gut genug zu sein
- ein Gedankenkarussell, das sich immer schneller dreht und dir zunehmend Angst macht
Sozusagen ein innerlicher Kampf, der Tag und Nacht tobt. Einer, der dich untertags nicht rasten lässt und auch zur Schlafenszeit nicht zur Ruhe kommen lässt.
Dein innerer Dialog hört sich dann wahrscheinlich so an:
- Ich muss einfach nur durchhalten.
- Das geht schon wieder vorbei.
- Andere schaffen das ja auch.
So, als wäre unsere mentale Gesundheit etwas, das sich von selbst reguliert, wenn wir nur lange genug die Zähne zusammenbeißen. Wir versuchen immer weniger hinzuhören und lenken uns von diesen Anzeichen ab. Und nichts geht in der heutigen Zeit so leicht wie Ablenkung, wenn wir ehrlich sind, oder? Am Handy scrollen, streamen oder einfach noch mehr arbeiten – egal, ob im Beruf oder im Haushalt. Alles Möglichkeiten, um nur ja nicht dorthin zu fühlen, wo es sich unangenehm anfühlt.

Wenn Durchhalten zur einzigen Strategie wird
Damit mich hier niemand falsch versteht: Das alles ist kein Zeichen von Schwäche. Denn gerade die Menschen, die in diese Situation kommen, sind oft jene, die in ihrem Leben viel geschafft haben und erfolgreich sind. Sie gelten als stark, verantwortungsbewusst, engagiert und sind für andere immer da. Sogenannte Felsen in der Brandung.
Gerade ihnen fällt es meiner Erfahrung nach besonders schwer, ehrlich auf sich selbst und das eigene Leben zu schauen, wenn es innerlich nicht mehr rund läuft. Sich einzugestehen, dass man müde ist, nicht mehr weiterweiß oder vieles im Leben sich nicht mehr stimmig anfühlt, ist für sie eine Hürde, die oft unüberwindbar scheint.
Hier möchte ich ganz klar betonen: Sich um die eigene mentale Gesundheit zu kümmern und anzuerkennen, dass dort gerade nicht alles rund läuft, ist kein persönliches Versagen. Es sind Signale, die gehört werden wollen. Signale, die vielleicht schon viel zu lange übergangen wurden.

Mentale Gesundheit geht nicht „plötzlich kaputt“
So wie ein Motor nicht ohne Vorwarnung stehen bleibt, gerät auch unsere mentale Gesundheit selten von einem Tag auf den anderen aus dem Gleichgewicht. Es ist ein schleichender Prozess über einen längeren Zeitraum. Einen, den du selbst durch viele kleine Anpassungen und innere Parolen hinausgezögert hast, indem du immer wieder deine eigenen Bedürfnisse hintangestellt hast.
Das geht so lange, bis irgendwann dieser Moment kommt, in dem klar wird:
So kann es nicht weitergehen.
Und das nicht, weil du kaputt bist. Sondern weil du zu lange funktioniert hast und deine mentale Gesundheit immer wieder auf später verschoben hast.

Eine Erinnerung: Es ist dein Leben …
Jetzt muss ich entgegen meiner Art ein bisschen härter zugreifen: … und dieses ist endlich.
Unsere Zeit hier ist nicht unbegrenzt. Und genau das ist meiner Meinung nach ein Grund, uns selbst ernst zu nehmen und uns mit derselben Akribie und derselben Aufmerksamkeit zu begegnen wie allen anderen Dingen in unserem Leben.
Dabei rede ich keinesfalls davon, dass du zu einer vollkommenen Egoist:in werden sollst, die nur mehr auf sich selbst schaut. Das meine ich nicht. Eine wundervolle Coachin hat einmal einen augenöffnenden Satz zu mir gesagt:
Du kannst für deine Liebsten nur in dem Ausmaß da sein, wie du es dir wünschst, wenn es dir selbst gut geht.
Dieser Satz hat gesessen und beinhaltet für mich ganz viel Wahrheit. Wenn wir in all den Rollen, in denen wir leben, nicht ausbrennen wollen, dann dürfen wir auch auf uns schauen. Dann dürfen wir wahrnehmen, dass etwas in uns gerade nicht stimmig ist, und uns das genauer ansehen. Sozusagen ein mentales Service für uns selbst.
Ja, auch das ist oft anstrengend, und die Opferrolle ist meist viel gemütlicher. Doch es geht um dich, um deine Gesundheit und um dein Leben. Und das ist meiner Meinung nach jede Mühe wert.
Denn wenn wir nicht hinschauen, wird unsere Seele irgendwann unseren Körper mit Beschwerden vorschicken, weil wir ihr nicht zuhören. Ich kann euch nur sagen: Ich habe in meiner Ausbildung zwei wunderbare Physiotherapeutinnen kennengelernt, die genau deshalb ihre Expertise durch eine Coachingausbildung ergänzt haben – weil viele Themen nicht rein auf der körperlichen Ebene zu lösen sind.

Eine Einladung zum Innehalten
Es geht also nicht darum, etwas zu reparieren, sondern darum, hinzuschauen. Einmal in dich selbst hineinzuhören: Was ist gerade los in mir? Was brauche ich wirklich? Zu hinterfragen, was deine Gedanken dir den ganzen Tag erzählen, und deine Bedürfnisse wieder kennenzulernen.
Vielleicht magst du dir einen Moment Zeit nehmen und dich fragen:
- Was in meinem Leben kostet mich im Moment besonders viel Energie?
- Welche Gedanken wiederholen sich immer wieder in meinem Kopf?
- Welche Warnleuchten blinken bei mir mental schon länger?
- Was würde sich verändern, wenn ich mir selbst mit derselben Fürsorge begegnen würde wie allen anderen?
- Was sind meine Bedürfnisse?
Es geht nicht darum, sofort Antworten zu haben. Manchmal reicht es, die richtigen Fragen zuzulassen und damit einen Prozess in Gang zu setzen. Unser Gehirn hat die wunderbare Fähigkeit, gestellte Fragen beantworten zu wollen. Gib dir Zeit, höre genau hin – Antworten werden kommen. Denn alle Antworten sind bereits in dir, du darfst ehrlich und offen hinhören.

Du musst da nicht alleine durch
Ganz wichtig ist mir dabei auch diese Botschaft: Sich begleiten zu lassen bedeutet nicht, dass du es nicht alleine schaffen würdest. Es bedeutet, dass du dir erlaubst, nicht alles alleine tragen zu müssen. Mentale Gesundheit braucht Aufmerksamkeit, Raum und manchmal jemanden, der dich beim Hinschauen begleitet. Es fällt uns manchmal auch leichter, mit einer dritten, neutralen Person über deine mentalen Themen zu reden, jemanden, der nicht aus deinem Umfeld ist.
Vielleicht ist genau das dein erster kleiner Service-Termin für dich selbst.
Herzlichst,
Deine Petra

